Weihnachten – Fest der Liebe
Es war eine kalte, schöne Winternacht. Eine besondere Nacht – überall glänzte es, aus den Häusern konnte man Musik hören und die Sterne leuchteten heller denn je. Es war Heiligabend. Die Geschenke hatte ich schon fast alle verteilt, nur ein paar Wenige waren noch übrig. Nicht, dass ich sie vergessen hätte, nein, ich ließ sie bewusst bis zum Ende in meinem großen Jutesack. Denn sie gehörten Kindern, denen ich jedes Jahr einen Extrabesuch abstattete.
Das große, eingeschneite Waisenhaus lag außerhalb der Stadt, inmitten eines märchenhaften Tannenwaldes. Der Mond stand leuchtend hell am Himmel und ließ den Schnee geheimnisvoll glitzern. Ich ordnete meinen roten Weihnachtsmantel, stieg die verschneite Treppe hinauf und klopfte an das große, hölzerne Portal. Nach kurzer Zeit öffnete sich quietschend der mächtige Türflügel und ein kleines Mädchen streckte seinen Kopf durch den Türspalt. Es sah aus wie ein kleiner Engel mit seinen blonden Locken und den blauen Knopfaugen, die wie Sterne strahlten. Die Kinder vom Waisenhaus hatten mich wohl erwartet, denn ich wurde sofort ins Innere gezogen. Mit seinen kleinen, warm glühenden Händen zog mich das Mädchen den Gang entlang in ein kleines, feierlich geschmücktes Zimmer. Was mich dort erwartete war unbeschreiblich schön. Vor mir standen alle Kinder des Waisenhauses mit einer Kerze in der Hand und sangen „Stille Nacht, heilige Nacht“. Als die letzte Strophe gesungen war, kamen sie alle nacheinander zu mir und begrüßten mich. Sie taten das nicht um Geschenke zu bekommen, nein, ich fühlte, es war ein dankbares und herzliches Begrüßen. Sie freuten sich, dass ich bei ihnen war und mit ihnen den heiligen Weihnachtsabend feiern wollte. Als ich dann meinen Sack hervorholte und die Geschenke herausnahm, setzten sie sich alle um den großen, braunen Sessel, in dem ich es mir gemütlich gemacht hatte und strahlten mich an. Dabei wurde mir ganz warm ums Herz. Sie waren es nicht gewohnt, dass jemand an sie dachte und waren deshalb auch umso dankbarer, dass ich sie nicht vergessen hatte und ihnen überhaupt etwas mitgebracht hatte. Ihre Bescheidenheit erkannte ich schon vor einiger Zeit beim Lesen ihrer Wunschzettel.
Die Kinder aus den Städten wünschten sich Gitarren, Schaukelpferde oder Puppenhäuser. Die Kinder aus dem Waisenhaus aber schrieben so etwas nie auf ihre Zettel. Sie waren viel bescheidener und wünschten sich eine kleine Puppe, eine kleine hölzerne Lokomotive oder einen Teddybären. Doch am häufigsten stand etwas ganz anderes auf den Wunschzetteln – etwas, das nicht einmal ich ihnen erfüllen konnte. Sie wünschten sich Eltern zu haben. Jedes Jahr schrieben sie es auf und jedes Mal tat es mir in meinem Herzen weh, das lesen zu müssen. Diese Kinder wussten nicht, wie es sich anfühlt, Elternzu haben. Jemanden zu haben, der sie liebt, sie tröstet und immer für sie da ist. Für die meisten Kinder ist es selbstverständlich, Weihnachten mit ihren Familien zu feiern. Sie sollten jedoch froh sein, Eltern zu haben und dies auch zu schätzen wissen. Und obwohl die Waisenkinder keine Eltern mehr hatten, von denen sie geliebt wurden, verteilten sie so viel Liebe und Herzenswärme wie möglich. Ich wäre gerne noch ein Weilchen geblieben, aber es war Zeit zu gehen. Ich hatte noch einen weiten Heimweg vor mir, aber ich wollte nächstes Jahr wiederkommen. Denn diese Nacht war die schönste Weihnachtsnacht, die ich je erlebt habe. Und an diesem Tag wurde mir klar – an Weihnachten zählt nur eins – egal wer du bist und woher du kommst – nämlich die Liebe und der Frieden auf Erden.