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Wie hat Schule Zukunft, Frau Dongus?

Grundschüler, die ab der dritten Klasse mit Nachhilfe für die „richtige“ Grundschulempfehlung büffeln. Hauptschüler, die sich mit 12 Jahren als Verlierer unserer Gesellschaft sehen. Gymnasiasten, die sich durch die „Denkfabrik G8“ überfordert fühlen – Jutta Dongus ist mit all' diesen Schicksalen wohl vertraut. Als Gesamtelternbeiratsvorsitzende der Stadt Heilbronn nimmt sie die Interessen der Elternvertretungen von rund 35 Schulen im Stadt- und teilweise auch im Landkreis wahr. Die Palette reicht von den Förder-, Grund-, Haupt- und Realschulen bis zu den allgemein- und berufsbildenden Gymnasien. Daneben engagiert sie sich als Vorstandsmitglied in der Initiative „Schule mit Zukunft“, die über alle Schularten hinweg ein bildungspolitisches Gesamtkonzept fordert. ZaberBote: Frau Dongus, wo sehen Sie als Elternvertreterin die Stärken unseres Bildungssystems?
Jutta Dongus: Auf dem Papier – in der Bildungsplanreform, die in Baden-Württemberg 2004 in Kraft getreten ist. Darin sind gute Ansätze erkennbar, die den verschiedenen Schularten die Grundlage für ein verändertes Unterrichtskonzept bieten können. Den einzelnen Schulen wird mehr Selbstständigkeit zuteil. Im Unterricht erhält die Entwicklung von Kompetenzen neben der Vermittlung von Lerninhalten einen größeren Stellenwert. Was uns Eltern anbetrifft: Die Bedeutung der Erziehungspartnerschaft Elternhaus-Schule wird hervorgehoben. Eltern haben die Möglichkeit, sich beratend einzubringen, in den Elternvertretungen, in AGs etwa zu Präventionsprojekten, in den verschiedensten Gremien – leider nehmen immer noch zu wenige Eltern diese Chance mitzugestalten wahr.
ZaberBote: Und wie steht es mit den Schwächen?
Jutta Dongus: Es ist eines, inhaltliche Veränderungen auf dem Papier zu kennzeichnen. Wirkliche Verbesserungen unseres Schulsystems können nur gelingen, wenn die notwendigen finanziellen Mittel bereitgestellt werden. In allen Schularten ist deutlich zu erkennen: Es fehlen die notwendigen Rahmenbedingungen. Für eine individuelle Förderung von schwachen und ebenso von starken Schülern sind unsere Klassen in der Regel viel zu groß. Die Lehrerversorgung ist schlecht, bei den Naturwissenschaften in den Gymnasien geradezu katastrophal. Insgesamt fällt viel zu viel aus – die Schulen haben für Krankheitsvertretungen schlicht kein Personal. Sozialarbeiter, Schulpsychologen, Heilpädagogen – sie müssten Lehrer und Lehrerinnen in ihrem Bildungs- und Erziehungsauftrag unterstützen. Davon sind wir weit entfernt.
ZaberBote: Welche Maßnahmen fordern Sie von der Politik?
Jutta Dongus: Oberster Grundsatz muss meines Erachtens sein, dass jedes Kind „seine“ Chance bekommt. Bildung darf nicht mehr abhängig sein von sozialer Herkunft und wirtschaftlicher Lage. Schulen und Lehrern muss es ermöglicht werden, ihre pädagogische Verantwortung wahrzunehmen: in kleineren Klassen mit nicht mehr als 20 Schülern, in denen ein soziales Miteinander und eine individuelle Förderung möglich sind. Mit 120% Lehrerversorgung, die 100% Unterrichtsversorgung garantiert. Und einer Überarbeitung der Lehreraus- und -weiterbildung, die den gesellschaftlichen Anforderungen gerecht wird sowie einer Unterstützung der Lehrer durch ein Team von weiteren Fachkräften, wie Schulpsychologen und Schulsozialarbeitern für alle Schularten.
ZaberBote: Was bedeutet das für die Struktur unseres Bildungssystems?
Jutta Dongus: Meines Erachtens sollten die Kinder länger gemeinsam lernen. Die Grundschulempfehlung, wie wir sie kennen, kommt für mich einer Auslese gleich. Auch bin ich der Meinung, dass ein wirklich pädagogisches Miteinander nur im Rahmen einer verbindlichen Ganztagsschule, die Lerninhalte und Freizeitgestaltung berücksichtigt, entstehen kann.
ZaberBote: Soll es so einfach sein? Wir verlängern die Grundschulzeit und ziehen den Unterricht noch in den Nachmittag?
Jutta Dongus: Einfach sicher nicht! Es geht doch nicht um ein bloßes Verlängern der Zeitspanne. Solche strukturellen Maßnahmen setzen ein verändertes Bildungskonzept voraus, das einen Bogen spannt von der frühkindlichen Förderung bis zum Übergang von der Schule in den Beruf. Und dazu ist eine deutlich bessere personelle und finanzielle Grundversorgung aller Schulen unabdingbar.
ZaberBote: Sind diese Forderungen realistisch – gerade angesichts der Finanzkrise?
Jutta Dongus: Es ist mir klar, dass viele dieser Forderungen nicht schon morgen erfüllt sein werden. Aber ich möchte ebenso deutlich warnen: Unsere Gesellschaft wird nur zukunftsfähig sein, wenn wir den Kindern und Jugendlichen eine Zukunft ermöglichen. Und da können wir es uns gar nicht leisten, so viele von ihnen „am Rande“ stehen zu lassen. Ganz abgesehen von dem Recht der Kinder auf Bildung. Warum steht bei so vielen Kindern mit Migrationshintergrund und bei übrigens immer mehr Kindern aus bildungsfernen deutschen Familien de facto schon in der ersten Grundschulklasse fest, dass sie mit viel Glück einen Hauptschulabschluss schaffen werden? Was ist mit all' jenen, die die Schulen ohne Ausbildungsperspektive verlassen? Was ist mit den Kindern und Jugendlichen, die z.B. im Gymnasium den hohen Leistungserwartungen, die an sie gestellt werden, nicht entsprechen können? Unsere Gesellschaft braucht gut ausgebildete, mitdenkende, teamfähige und sozial verantwortungsbewusste junge Menschen. Da frage ich: Können wir auf Investitionen in Bildung verzichten?
ZaberBote: Was wünschen Sie sich für die Weiterentwicklung unseres Bildungssystems?
Jutta Dongus: Ich wünsche mir Schulen, in denen alle Kinder in ihren Stärken und Schwächen angenommen werden. Schulen, in denen Kinder keine Ausgrenzung, Beschämung und Demütigung erfahren. Schule soll ein Lebensraum sein, mit vertrauensvollen Beziehungen zu Mitschülern und Lehrern, mit Freude am Lernen und Verantwortung fürs Miteinander.
ZaberBote: Danke für Ihre Einschätzung und weiterhin viel Erfolg für Ihre Arbeit als Gesamtelternbeirätin und in der Elterninitiative „Schule mit Zukunft“!
Schule mit Zukunft
Schule mit Zukunft ist eine landesweite Initiative, die seit Oktober 2007 mit zahlreichen Aktionen auf die unbefriedigende Situation an den Schulen aufmerksam machen will. Ihr jüngster Appell an die deutschen Kultusministerien sowie weitere Informationen unter www.schule-mit-zukunft.com