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An Heiligabend verteilt das Christkind die Geschenke

Neulich las ich in der Zeitung, das Christkind habe nun seine eigene Postleitzahl. In Engelskirchen könne man es zur Weihnachtszeit ohne Umstände auf dem Postweg gut erreichen. Als ich das las, wurde mir sehr wehmütig zumute. Das würde mir meine Arbeit nicht gerade erleichtern. Wenn das Christkind einen offiziellen Wohnsitz hat – wer würde es dann hier suchen? Vier Jahre war ich alt, als man mir erzählte, an Heiligenabend würde das Christkind die Ge­schenke verteilen, an alle Kinder in unserer kleinen Stadt, vorausgesetzt, sie waren „brav“. Ich hatte mir nichts zuschulden kommen lassen, und von daher auch nichts zu befürchten. Als ich in die Schule kam, konnte ich die Geschichte vom Christkind nicht mehr ohne weiteres hinnehmen. Vor allem eines machte mir zu schaffen: Wo bewahrt das Christkind all die Geschenke auf – und wie schafft es nur, diese in nur einer Nacht zu verteilen? Ich fasste einen Plan: Im flockigen Neuschnee würde ich die Fußspuren des Christkinds sicher ohne weiteres zurückverfolgen können. Zugute kam mir meine große Lupe, die mir das Christkind bereits im Vorjahr unter den prächtig geschmückten Baum gelegt hatte. Ich würde also die Fußspuren verfolgen und so zu dem Haus voller Geschenke geführt werden. Mein Plan war wasserdicht, Weihnachten rückte immer näher und meine Familie war mit den üblichen Vorbereitungen beschäftigt. So konnte ich am Morgen von Heiligabend unbemerkt das Haus verlassen, um die Festigkeit des Schnees zu prüfen und mit meiner Lupe die ersten Spuren probehalber untersuchen. Ich verfolgte die unserer Hauskatze, die schnurgerade von unserer Haustüre in Nachbars Garten und dann weiter über die Straße führte. Immer weiter lief ich der Pfotenspur nach, bis ich in meiner Lupe plötzlich einen riesigen, etwas abgelaufenen Turnschuh sah. Der Turnschuh gehörte zu einem Jungen. „Was machst du da?“, fragte er mich. „Ich suche das Christkind“, antwortete ich. „Und die Geschenke“, fügte ich schnell hinzu. Der Junge atmete tief aus, so als würde ihm eine große Last von den Schultern fallen. Fast schien es, als hätte er seit Jahren auf diesen Moment gewartet. „Komm mit“, sagte er. Zusammen liefen wir durch die verschneiten Straßen, vorbei an prächtig geschmückten Vorgärten und Häuserfassaden, hinter denen man die festliche Stimmung förmlich erahnen konnte. Auch ich dachte an meine Familie, wie sie sich nun langsam um den Tisch versammeln würde, und an den Geruch der Gans, die schon seit mehreren Stunden im Backofen vor sich hin schmorte. Aber aus irgendeinem Grund ging ich mit dem fremden Jungen mit – die Stimmung war wie verzaubert. Ich spürte, ich näherte mich der Lösung des Rätsels, mit jedem Schritt, der sich knirschend in den Schnee drückte. Inzwischen waren wir in einem Viertel angelangt, in dem ich nie zuvor gewesen war. Große Lagerhallen aus rotem Backstein reihten sich aneinander und wiesen auf ein geschäftiges Treiben hin, aber es war keine Menschenseele zu sehen. Zielstrebig schob der Junge ein schweres Rolltor zur Seite und schlüpfte durch den Spalt. Er drehte sich zu mir um: „Komm“, sagte er, und seine Stimme hatte einen fast flehenden Unterton. Ich schlüpfte hinein. Und da waren sie: Gestapelt zu einer riesigen Pyramide, die die gesamte Höhe der Lagerhalle einnahm, lagen – in hübsches Papier gehüllt und bestückt mit allerlei Zierrat – die Geschenke. Wie erstarrt angesichts dieser Pracht blieb ich vor dem Geschenk-Berg stehen. Erst später fiel mir auf, dass der Junge verschwunden war. Stattdessen stand neben mir ein alter Mann mit langem weißem Bart. „Du bist also der Neue!“, brummte er in seinen Bart. „Wurde auch langsam Zeit, dass Arthur abgelöst wird.“ Er drehte sich zu mir, und als sein eisblauer Blick mich traf, durchfuhr er wie ein Blitz meine Glieder. „Auf geht’s!“, herrschte er mich an. „Oder glaubst du etwa, das Christkind verteilt die ganzen Geschenke alleine?“